Donnerstag, 16. Oktober 2014

Zurück in meinen Alltag

Körperübungen zum Tagesstart
Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen. (Apg 1,9-11) 

Ein letztes Mal Körperübungen, ein letztes Frühstücksbuffet, ein letzter Morgenimpuls. Es geht um Jesu Himmelfahrt, um Abschied und um Segen. Dankbar nehmen wir Jesu Segen mit. In den Tag begleiten uns drei Fragen: Was nehme ich mit? Was ist mir wichtig geworden und wie setze ich es im Alltag um? Was ist mir wichtig geworden im Sinne eines geschärften, neuen Blickes für die Situation in Land?
Mit einem letzten Tag in Jerusalem - jeder auf seinen eigenen Wegen -verabschieden wir uns vom heiligen Land, seiner Vielfalt und Schönheit und auch seinen Gegensätzen. "Was schaut ihr in den Hinmel, schaut nach vorn": in diesem Sinne - in die Zukunft schauend - klingt der Tag mit einem Gottesdienst und unserem Abschiedsfest aus - in der Mitte der Nacht geht es zum Flughafen, zurück in den Alltag.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Brannte nicht unser Herz?

Auf dem Weg nach Abu Gosh
Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, sodass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, und der eine von ihnen - er hiess Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weisst, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in grosse Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, 29aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss? Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. (Lk 24,13-35)

Nach Jesu Leidensweg stehen heute Auferstehungswege im Zentrum. Ein Blick in die Bibel zeigt, wie persönlich eigentlich diese Begegnungen mit dem Auferstandenen und die Reaktionen darauf sind: von der Angst der Jünger über Maria Magdalena, die Christus beim Namen ruft, zu den Frauen, die durch die Gotteserfahrung am Ostermontagen am leeren Grab von Furcht und Zittern ergriffen werden. Oder die Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus. Jesus geht mit ihnen, lässt sich auf das Gespräch ein. Es ist ein Prozess, das Erlebte braucht viel Zeit zum verarbeiten. "Bleib bei uns", bitten die Jünger, Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Begleitung. Und uns begleitet die Frage, wo unser Herz brennt, wo unsere Fragen sind.
Auf dem Weg nach Abu Gosh
Nach all den Eindrücken und dem Trubel von gestern geht es heute wieder in die Natur. Durch ein kleines Wäldchen und dann durch einen Olivenhain geht talab, talauf (und mit Frühstückspause im Freien) nach Abu Gosh. Im französischen Benediktinerkloster empfangen uns Pater Antoine und Pater Dominique. Im gepflegten Garten ("Das machen die Schwestern") erfahren wir etwas über die Geschichte des Ortes, der in biblische Zeit zurück reicht: Abu Gosh ist einer der drei Orte im Heiligen Land, der mit der Emmausgeschichte in Verbindung gebracht. Pater Dominique erzählt uns über die Klostergemeinschaft von acht Mönchen und zwölf Schwestern, vom guten Zusammenleben der drei Religionen in dem mehrheitlich islamischen Dorf und von der besonderen Berufung der Gemeinschaft, die in der Pflege des jüdisch-christlichen Dialogs liegt. Der sieht in Abu Gosh ganz besonders aus: seit 35 Jahren empfangen die Mönche junge israelische Soldaten, um ihnen etwas über das Christentum zu erzählen. Daraus entstanden sind viele freundschaftliche Beziehungen.
Pater Dominique erklärt
Wir geniessen die Stille des Klosters, seiner Kirche und des Gartens und machen uns dann auf den Weg zu Yasmin, ihrem Mann Musa und dessen Cousin Abu Muhammad, die uns in den Ruinen des arabischen Dorfs Tsuba mit einem hausgemachten Picknick empfangen. Yasmin ist schweizerisch-englischer Abstammung, zum Islam konvertiert und mit einem arabischen Israeli verheiratet. Die drei erzählen uns von der Geschichte des Ortes, dessen Bewohner im israelischen Unabhängigkeitskrieg - für die Palästinenser die "Nakba", Katastrophe - vor heftigen Kampfhandlungen fliehen mussten. Weiter führt uns unser Weg vorbei an einer alten Olivenpresse und römischen Gräbern hinunter ins Dorf Ein Raffa, vertieft in das spannende Gespräch mit Yasmin und ihrem Mann. Und obwohl die "zwanzig Minuten" mit palästinensischer, nicht mit Schweizer Uhr gemessen sind und glücklicherweise kein Weg vorbei am abschliessenden Kaffee und Kuchen im Gartenrestaurant der Familie führt, sind wir noch im Sonnenlicht wieder in unsrer idyllischen Unterkunft Yad HaShmona und können die Zeit bis zum Apéro auf dem Balkon oder im biblischen Garten geniessen.
Mittagessen und Begegnung mit Yasmin und ihrer Familie

Dienstag, 14. Oktober 2014

Dein Wille geschehe

Blick vom Ölberg auf die Jerusalemer Altstadt
Du hast mich geträumt Gott,
wie ich den aufrechten Gang übe,
und niederknien lerne,
schöner als ich jetzt bin,
glücklicher, als ich mich traue,
freier, als bei uns erlaubt.
 
Hör nicht auf,
mich zu träumen, Gott.

Ich will nicht aufhören,
mich zu erinnern,
dass ich dein Baum bin,
gepflanzt an den
Wasserbächen des Lebens.
 
(Dorothee Sölle)

Jesu Weg endete in Jerusalem. Er war weder Rebell noch Freiheitskämpfer, er verleugnete sich nicht und musste dafür sterben. Er forderte die Autorität heraus und hielt wie ein König Einzug in Jerusalem. Er ordnete sich dem Willen Gottes völlig unter. So lautet auch unser Tagesthema: Dein Wille geschehe!
Warum entstand Jerusalem gerade hier: ohne Wasserquelle, ohne Handelsweg, an einem ungeschützten Platz?
Wir fangen unsere kurze Wanderung auf dem Skopusberg an, mit Blick gegen Osten in die judäische Wüste. Auf der anderen Seite sehen wir die drei Kuppeln, Felsendom, Hurva-Synagoge und Grabeskirche. Durchs Kidrontal mit den Olivenhainen nähern wir uns dem Garten Gethsemane, dessen Name im Hebräischen "Olivenpresse" bedeutet. Die "Kirche aller Nationen" erinnert daran. Trotz der dunklen Alabasterfenster leuchten die wunderschön farbigen Mosaike. Trotz der unzähligen Besucher strahlt die Kirche eine grosse Ruhe aus. Im Garten die Jahrtausende alten Olivenbäume: Ort des letzten Gebets Jesu.
Gethsemane, Kirche der Nationen
Durchs Löwentor betreten wir wie tausende Pilger vor uns die Altstadt und gelangen zur St. Anna-Kirche. Hier, sagt die Tradition, hat Jesus einen gelähmten Mann geheilt. Unser Lied "Magnificat" füllt den romanischen Kirchenraum und klingt lange nach.
In der Pilgergaststätte "Ecce Homo" der Zionsschwestern und der Gemeinschaft des "Chemin neuf" geniessen wir mit herrlichem Blick auf die Dächer der Altstadt mit ihren Kuppeln, Minaretten und Türmen ein gutes Mittagessen.
Blick über die Dächer Jerusalems
Auf der Via Dolorosa sind viele Pilger unterwegs und auch bei der Klagemauer ist wegen Sukkot ein grosses Gedränge. Die Inbrunst der gläubigen Juden ist beeindruckend. Zielgerichtet durchqueren wir den Markt. Bei der sechsten Station des Leidenswegs Christi treffen wir Schwester Rose von den kleinen Schwestern. Sie erzählt uns wie ihr Orden von Charles de Foucault gegründet wurde und vor allem in Nahost und in Afrika in muslimischem Gebiet tätig ist. Mit ihren drei Mitschwestern lebt Schwester Rose seit 44 Jahren in Jerusalem und führt ein kontemplatives Leben unter den Ärmsten. Wir erfahren, dass immer weniger Christen in Jerusalem leben. Die Schwester gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich das Zusammenleben der verschiedenen Religionen wieder verbessern wird. 
Sukkot
Die letzten Stationen des Leidenswegs befinden sich in der Grabeskirche. Hier ist es trotz vieler Leuchten und Kerzen sehr düster, das scheint aber die vielen Pilger nicht an ihrem geschäftigen Treiben zu hindern Einen eindrücklichen Moment erleben wir im Vorhof der Kirche mit unserer jüdischen Führerin und dem Gebetsruf des Muezzin. Voller reicher Eindrücke verlassen wir die Stadt durch das Damaskustor.

Montag, 13. Oktober 2014

Wer ist mein Nächster?

Wadi Qelt
Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben. Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso! (Lk 10,25-37)

Wer ist mein Nächster, lautet die Frage, die uns heute begleitet. Wie in der biblischen Geschichte geht es um das Sehen, das Sich-Ergreifen-Lassen und das Handeln über den spontanen Moment hinaus.
Nicht nur geographisch passt der Wandertag in der Wüste zwischen Jerusalem und Jericho zum Tagesthema: Nach dem gestrigen Tag voller und voller widersprüchlicher Eindrücke und Orten gibt der Weg durchs Wadi Qelt zum Georgskloster Raum und Zeit zum Sacken lassen. Nach einem anspruchsvollen Vortag für Kopf und Sinne sind Wüstenstille und das Spüren des Körpers beim Wandern ein guter Ausgleich.
Wadi Qelt
Unsere Überraschung (und Freude) sind gross, als wir im Wadi Qelt ankommen. Trotz des heissen und trockenen Sommers, der gerade erst zu Ende geht, ist das Aquädukt am Berghang gut mit Wasser gefüllt, und so begleiten uns das Plätschern des Wassers und das unerwartet üppige Grün in Wassernähe durch die Wüste. Schmetterlinge, Wespen, Vögel, hier und da ein Esel, Unmengen an Ziegen und sogar ein Kamel zeigen: die Wüste lebt.

Sonntag, 12. Oktober 2014

... und Frieden auf Erden!

Traditionelle arabische Mezze in Beit Sahour
Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden den Menschen seines Wohlgefallens (Lk 2,14)

Friede, Fremdheit, Erinnerung und Gastfreundschaft sind die Themen, die uns auf unserem Weg nach Hebron und dann nach Bethlehem begleiten. Der Friede, erzählt uns der biblische Text, kommt von den Engeln: Er ist Zuspruch Gottes und Geschenk, gleichzeitig aber muss er immer wieder von uns eingeholt werden. Frieden in diesem Sinne ist mehr als Waffenruhe, mehr als Abwesenheit als Krieg. Er "ist" nicht, sondern er muss immer wieder neu gemacht werden. Wo anders wäre diese Realität so sichtbar, in Hebron geradezu physisch greifbar, als in dieser Region!
Blick auf die Machpela in Hebron
In Hebron werden wir unmittelbare Zeugen der schwierigen Realität: Der israelisch kontrollierte Durchgang von der palästinensischen Altstadt zur Machpela, dem von allen drei monotheistischen Religionen als Grabstätte der Patriarchen und Matriarchen verehrten Heiligtum, ist versperrt. Es ist immer noch Sukkot, und die an normalen Tagen von Juden und Muslimen gemeinsam genutzte Machpela ist in dieser Woche für Juden reserviert. Wir - und alle Palästinenser - müssen draussen bleiben. Gleichzeitig erfahren wir die arabische Gastfreundschaft. Ein Bewohner der engen Gasse sieht uns vor dem verschlossenen Tor und lädt uns spontan auf sein Dach ein, das uns wenigstens einen kleinen Blick von oben auf den für uns heute unerreichbaren Bereich erlaubt. Ein kurzer Weg durch den Souk der palästinensischen Seite vermittelt uns einen weiteren Einblick in den schwierigen Alltag in der zweigeteilten Stadt: Viele Geschäfte sind geschlossen, es mangelt an Besuchern. Netze über unseren Köpfen schützen die arabische Bevölkerung unten vor dem von jüdischen Bewohnern oben herabgeworfenem Müll. Obwohl auf arabischer Seite, kreuzen auf halber Strecke israelische Soldaten unseren Weg. Es bleibt eine Stippvisite, und wir setzen den Weg fort in Richtung Bethlehem.
Ganz anders dort: Buntes Treiben in den Gassen, offene Geschäfte, Leben. Dass der diesjährige Sommer mit dem Gazakrieg und die allgemeine Lage im Nahen Osten ihre Spuren hinterlassen haben, wird gleich deutlich. Im Hotel sind wir die einzige Gruppe, und selbst die Wartezeiten vor der Geburtsgrotto sind ungewöhnlich kurz.
Gespräch mit Yael in Efrat
Am Abend sehen wir eine andere Realität des Landes: Nach dem Abendessen in einer Laubhütte in der Siedlung Efrat erzählt uns Yael, schweizstämmige Jüdin und Efrat-Siedlerin, was sie bewogen hat, in der Westbank zu siedeln und wie dies ihren Alltag prägt. Für uns wohl am irritierendsten dabei: wie anscheinend unbedacht dieser Entscheid gefällt wurde und wie wenig er im Alltag präsent ist.

Samstag, 11. Oktober 2014

Jesus und der Gott des Mose

Auf dem Werk zum Berg Karkom
"Wir wollen uns einen verantworteten Tag gönnen, unter Berücksichtigung der natürlichen Verhältnisse." (Paul Imhof)

Der heutige Tag, an dem uns biblisch das Thema und die Person Mose in unserer eigenen Wüstenerfahrung begleiten soll (und ganz real eine zweite Gruppe aus Deutschland), ist eine schwere Geburt und alles andere als selbstverständlich. Der Gottesberg Har Karkom liegt im Militärsperrgebiet und ist nur am Shabbat zugänglich. Ferner liegt er etliche Fahrstunden entfernt in der Wüste, erreichbar nur mit geländegängigem Gefährt. Unser Weg zum Har Karkom hängt vom Wetter ab: Regen in der Region könnte die trockenen Wadis innert Kürze anschwellen lassen und unser Vorhaben gefährden. So bekommt auch der Regen - Segenszeichen in der trockenen Region - eine ambivalente Symbolik.
Der geplante Tagesstart ist früh, 5.15 Uhr, noch vor Sonnenaufgang. Tatsächlich werden wir aber schon gegen zwei Uhr am Morgen aus dem Schlaf gerissen: Ein kurzes, aber heftiges Gewitter entlädt sich direkt über uns, gefolgt von - Regen! Die diversen Wetterprognosen am frühen Morgen sind so vielseitig wie die Meinungen der verschiedenen Guides, Fahrer und Experten, und so dauert es noch eine Dreiviertelstunde, bis die Völkerverständigung zu einem Kompromiss führt: wir fahren bis zur Abzweigung ins Wadi Paran, frühstücken und sehen dann weiter.
Wadi Paran
Das Verhandeln hat sich gelohnt (das haben wir ja schon bei Abraham gelernt) - das Wetter ist uns gnädig, und nach einem hastigen Frühstück holpern und schaukeln wir im offenen Truck gute drei Stunden durch die Wüste, beeindruckt von der Weite, irritiert von Raketenresten und anderen Überbleibseln der Militärübungen und in tiefer Bewunderung für die Künste unsres Fahrers Eitan.
Auf dem Weg zum Berg Karkom
Schliesslich geht es zu Fuss weiter durch die Wüste in Richtung des Karkom, der durch Jahrtausende und verschiedenste Religionen als Heiliger Berg verehrt wurde. Guide Nummer Zwei, Paul Imhof, hat selber an dieser Stelle bei archäologischen Ausgrabungen mitgewirkt und leitet uns fachkundig zu den Überresten alter Heiligtümer. Felszeichnungen mit Tierszenen, den ersten Darstellungen von Menschen mit zum Gebet erhobenen Menschen, aber auch die älteste Darstellung der zehn Gebote, in die schwarze Patina eines Kalksandsteins geritzt, begleiten uns hinauf auf den Mosesberg Karkom. Hier sei das Volk der Israeliten durch die Wüste gezogen, als Moses von Gott die zehn Gebote erhalten habe.
Gottesdienst auf dem Berg Karkom
Nach einem Gottesdienst über der Höhle des Moses steigen wir schweigend hinab vom Heiligen Berg, um unsere Wüstenerfahrung mit einem erfrischenden Picknick fortzusetzen. Zurück führt uns der Weg entlang der ägyptischen Grenze - oft unüberwindbares Hindernis der heute Umherirrenden: Flüchtlinge aus dem Sudan, aus Eritrea, die sich am Ende ihrer gefährlichen Reise vor einem meterhohen Grenzzaun wiederfinden, mit dem Israel sich gegen die illegalen Einwanderer aus dem Sinai zu schützen versucht. Uns trennt von unserem letzten Wegstück zurück zum Krater von Mitzpe Ramon schliesslich noch ein letzter Militärposten. Wegen Shabbat ist kein Begleitfahrzeug verfügbar, was uns eine ungeplante Pause einbringt - und schliesslich einen herrlichen Sonnenuntergang, als wir nach etwa zwanzig Minuten dann doch weiter fahren dürfen. Ohne Begleitung
Israelisch-ägyptische Grenze

Freitag, 10. Oktober 2014

Du bist mein geliebtes Kind

Fresko im Qarantal-Kloster
In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm. (Mk 1, 9-13) 
Wasser und Wüste, Zuspruch und Versuchung, Geistkraft und Satan - wieder sind es die Kontraste, die uns durch den Tag begleiten. Unser Tag beginnt an der Taufstelle Jesu am Jordan, am tiefsten begehbaren Punkt der Erde, mit Gottes Zusage "Du bist mein geliebter Sohn". So wie auch wir in der Taufe bei unserem Namen gerufen und in unserer Ganzheit gemeint sind. 
Vom wenn auch spärlich fliessenden Wasser des Jordan geht es durch die Oase Jericho hinauf zum griechisch-orthodoxen Kloster Qarantal, das sich hoch über dem Tel Jericho wie ein Schwalbennest an den Fels schmiegt. Mit uns auf dem Weg: Die biblische Geschichte von Jesu Versuchung und die Frage, wodurch jede und jeder von uns versucht wird, wo wir unsere Wüste erleben. 
Wir verlassen das Grün Jerichos. Kamele am Wegrand und eine nur vereinzelt von Dattelpalmen durchbrochene "Mondlandschaft" begleiten uns für den Rest des Nachmittags entlang des Toten Meeres via Qumran nach Mitzpe Ramon in der Negevwüste - Bad im tiefsten und salzigsten Meer der Welt inklusive. Nach einem letzten Blick über das Tote Meer und die jordanischen Berge fahren wir in die Negev-Wüste. Unser Übernachtungsort Mitzpe Ramon begrüsst uns mit einem traumhaften Sonnenuntergang und Steinböcken am Abhang des Kraters.
Shabbat Shalom!
Mitzpe Ramon im Abendlicht

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Wer Durst hat, komme zu mir

Granatäpfel im Wadi Tavor
Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fliessen. (Joh. 7, 37-38)

Passend zum Tagesthema Schöpfung erheitern das vielfältige Bettelprogramm des Hotelkaters (und ebenso vielfältige Abwehrversuche des Hotelpersonals) unsere morgendliche Frühstücksrunde. 
Auf unserem Weg durch das Wadi Tavor begegnen uns ein Teil jener sieben Spezies, die in der Bibel und für das Laubhüttenfest eine besondere Rolle spielen: Gerste, Weizen, Granatäpfel, Feigen, Wein, Datteln und Oliven. Und wir begegnen der Unverantwortlichkeit des Menschen im Umgang mit dieser Schöpfung: Statt durch unberührte Natur wandern wir durch wilde Müllhalden. Der Kontrast zu den gepflegten Olivenhainen ist für Augen und Nase allzu deutlich spürbar.
Wilde Müllhalde im Wadi Tavor
Weiter auf unserem Weg, in Auja, treffen wir auf Fadi und sein Team vom Auja Umweltzentrum - und sehen, dass auch hier ein Umdenken einsetzt. Seit 2010 setzt sich das Zentrum in Zusammenarbeit von Friends of the Earth Middle East (Foeme) für Umwelterziehung, Wasseraufbereitung, Recycling und nachhaltige Energie ein. Viele kleine Projekte haben seither das Leben der Ortsgemeinschaft verbessert. Und zwar, auch eine schöne Erfahrung für uns, in Zusammenarbeit von Palästinensern, Jordaniern und Israelis. Den Abschluss des Nachmittags bildet unser eigener Beitrag: über hundert Säcke Müll und eine Kiste Glasscherben, aufgelesen im Wadi Auja. Ein winziger Beitrag zwar, aber immerhin: Wir waren so effektiv, dass das Foeme-Team nach der Hälfte der Zeit neue Müllsäcke kaufen musste...
Unser "Tageswerk"
Auch an diesem Tag begleiten uns also die Kontraste und konfrontieren uns mit dem Aufruf, nicht in den schönen Gedanken und Ideen hängen zu bleiben, sondern selber Hand anzulegen und den Worten Taten folgen zu lassen.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Mich von Jesus rufen lassen

Blick ins Taubental
Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich liessen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. (Mk 1, 14-18)


"Komm und sieh" lautet das Motto unserer Reise auf den Spuren Jesu durchs Heilige Land - weil man es nicht erzählen kann. Das Sehen und Erwandern des "fünften Evangeliums" - der Orte und Landschaften des biblischen Geschehens - konfrontieren permanent mit den Themen des Glaubens: Wandern zum besseren Verständnis des Glaubens und der Bibel.
So führt uns unser Weg heute vom Berg Arbel mit einem zweiten, spektakulären Fernblick auf das "galiläische Meer" durch das Taubental hinunter in die Gegend, in der Jesu seine Jünger berief und seine Botschaft unter das damalige Volk brachte: Juden, Heiden, Aufständische. Beim Besuch der ersten Wirkstätten Jesu - Kapernaum, Tabgha, Berg der Seligpreisungen - begleitet uns die Frage, ob und wie wir uns von Jesus rufen lassen.
See Genezareth mit Gewitterhimmel
Und auch zu diesem Tagesausklang begleiten uns kräftige Donnerschläge, diesmal aber vom Sommergewitter, dass nach einem heissen Tag unvermittelt über dem See Genezareth (und uns) herunterprasselt - in einem regenarmen Land wie diesen ein Segen, auch für das heute Abend beginnende jüdische Laubhüttenfest. Chag sameach!

Dienstag, 7. Oktober 2014

Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

Berg Hermon, arabisch Jabal al-Scheikh, Blick in Richtung Syrien
Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. (Mk 9, 2-7)

Die Frage Jesu an seine Jünger - anders formuliert: Wer ist Jesus für mich? - verlangt auch zweitausend Jahre später von jedem einzelnen nach Antwort. Zusammen mit der biblischen Erzählung von der Verklärung, in der Gott selbst Antwort gibt, wer Jesus sei - der geliebte Sohn - begleitete sie uns heute an ganz unterschiedliche Orte...

Denkmal für gefallene israelische Soldaten in den Golanhöhen
Durch die vielfältigen Obstplantagen Obergaliläas fahren wir mit einem ersten Fernblick auf den See Genezareth in die Golanhöhen. An einem Mahnmal für die gefallenen israelischen Soldaten des 1967er Kriegs und des Jom-Kippur-Kriegs von 1973 gibt Guide Maya uns einen ersten Einblick in die Geographie einer umstrittenen Region. Unaufgeregt und nüchtern erzählt Maya, Jahrgang 1957, von zahlreichen Konflikten, die hier zum Alltag gehören. Und von der Hoffnung auf Frieden, die nach wie vor viele Menschen teilen. Maya ist israelische Jüdin, spricht "Arabisch im ägyptischen Akzent, und wie mit Ägypten ist vielleicht auch der Frieden mit Syrien nicht so weit entfernt".
Eine "verrückte Welt" begegnet uns auf dem Berg Hermon. Höchste Stelle im Land, Militärgebiet und Grenze zu Syrien, eröffnet sich uns der Blick nach Syrien und in den Libanon. Die geologischen Aktivitäten des Ostafrikanischen Grabenbruchs, scheint es, prägen die Region auch in der Realpolitik. Wir feiern in luftiger Höhe Gottesdienst - hören über die Gotteserfahrung der Jünger in der Verklärung Jesu. In unseren Gebeten sind auch die Menschen in Syrien.
Banias, eine der drei Jordanquellen
Die Spannnung zwischen der stillen Schönheit der Natur und dem leidvollen Konflikt wird unmittelbar greifbar an unserer letzten Station - Banias, dem antiken Caesarea Philippi und Quellort eines der drei Jordanzuflüsse. Laute Explosionen zu hören sind: Im libanesisch-israelischen Grenzgebiet ist es zu Schusswechseln gekommen, die Armee gibt per Funktelefon an die Parkwächter Entwarnung, aber die Atmosphäre ist unvertraut und verunsichert. Mit gemischten Gefühlen wandern wir entlang des Banias bis zum Wasserfall. "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden", zitiert Maya ein Gebet von Robert Niebuhr. Eine Übung, an der wir uns wohl in den kommenden Tagen häufiger versuchen dürfen...

Montag, 6. Oktober 2014

Los geht's

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel. (Lk 1, 26-38) 

Nach einer für die meisten kurzen Nacht dürfen wir am ersten Tag langsam ankommen. Ein Spaziergang durch Jaffa, eine Fahrt entlang der Mittelmeerküste, Verweilen am Strand und Baden am Meer geben die Gelegenheit, einzutauchen und mit dem Land auf Tuchfühlung zu gehen. Mit viel Humor und Gelassenheit erklärt Reiseleiterin Maya Eigenheiten von Land und Leuten, Momente der Stille lassen das Gehörte sacken. 
Unser Tag endet, wo alles angefangen hat: in Nazareth, unserem Standort für die nächsten Tage. Der Besuch der lateinischen und der orthodoxen Verkündigungskirche hinterlassen weitere Eindrücke, denen wir in abendlicher Runde nachgehen. Mit einem hebräischen Engelsgesang verabschieden wir uns wohl behütet in die Nacht.